03.04.2021

© gmp International GmbH

»Es muss immer ein bisschen magisch bleiben«: Das Akustikdesign der Philharmonie in Sendling

Das Akustikbüro Nagata hat schon mehr als fünfzig Konzertsäle klanglich optimiert. Trotzdem ist das Philharmonie-Projekt für das Ausweichquartier des Gasteig in Sendling einzigartig. Was Sitzbezüge mit exzellenter Akustik zu tun haben und welcher entscheidende Moment schon lange vor der feierlichen Eröffnung stattfindet.

Der Kran bewegt sich in eleganter Umsicht wie ein Dirigent. Metallische Hammerschläge geben den Takt, ein Bohrer hebt zum spontanen Solo an, die Dieselmotoren wummern tief, eine Säge kreischt auf: In der entstehenden Philharmonie des Gasteig Sendling gibt es schon jetzt Einiges zu hören. Doch die Kakophonie wird bald deutlich filigraneren Tönen weichen. Denn der Klang des Konzertsaals wird durch das weltweit renommierte Akustikbüro Nagata unter der Leitung von Yasuhisa Toyota konzipiert.

Wenn das Publikum die neue Philharmonie im Oktober das erste Mal erleben darf, sind zuvor jede Menge Entscheidungen gefallen, die ihre Akustik beeinflussen. Die Raumdimensionen, die Anordnung der Ränge, die Position der Bühne, das alles prägt das Konzerterlebnis – und ist sorgfältig nach klanglichen Gesichtspunkten austariert. Sogar die Oberflächen der Sitze, die man selbst doch eher nach ihrer Bequemlichkeit beurteilt, werden aufwändig nach ihren Schalleigenschaften ausgesucht. Und wenn die 1.800 Gäste den Raum füllen, dann sind sie für das Akustik-Team nicht nur als Musikliebhaber*innen, sondern auch wegen ihrer eigenen schallabsorbierenden Funktion interessant.

Die Ansprüche der Menschen an Livemusik sind nicht zuletzt durch die gehobene Qualität der Tonaufnahmen gestiegen. »Das Ziel ist es, extreme Klarheit mit einem satten vollen Ton zu balancieren «, erklärt Marc Quiquerez, Senior Consultant bei Nagata. Doch in einem Live-Konzert wolle das Publikum auch den Raum hören. Früher sei man davon ausgegangen, dass klangliche Klarheit reduzierten Nachhall mit sich bringe. Jüngste Erfahrungen hätten jedoch gezeigt, dass man beides bis zu einem gewissen Grad maximieren könne.

Auf dem Weg zum exzellenten Klang für die Philharmonie in Sendling steht Nagata Acoustics im engen Austausch mit dem Architekturbüro gmp – Gerkan, Marg und Partner, das den Bau entworfen hat. Der Generalunternehmer NÜSSLI baut die Konzerthalle mit einem Raumvolumen von fast 60.000 Kubikmetern aus. Dazu wird ein Konzertsaal für 1.800 Gäste aus vorgefertigten Vollholz-Elementen in die Konstruktion eingepasst. Das Besondere am Projekt war, dass es von vornherein als temporäre Struktur mit begrenztem Budget konzipiert wurde: Die Bauweise ist auf schnellen Auf- und möglichen Abbau ausgelegt.

In 3D Planen vor flachen Bildschirmen: Yasuhisa Toyota mit seinem Team von Nagata Acoustics und einem Modell der Interimsphilharmonie auf Zoom © Nagata Acoustics

Das wirkt sich auch auf den architektonischen Ausdruck aus. Ebene, gerade Linien prägen den Bau anstatt kurviger Formen. Aus akustischer Sicht sind die Raumform sowie die Position und Orientation der reflektierenden Oberflächen entscheidende Faktoren. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit den Architekt*innen so wichtig. Erst muss ausgehend von den Dimensionen der Bühne die passende Geometrie gefunden werden. Auch die Decke benötigt eine bestimmte Höhe. Dann entspinnt sich ein Wechselspiel daraus, wie sich die Sitze verteilen und wie die akustischen Oberflächen ausgerichtet werden müssen.

In Debatten um Konzertsäle wird oft der rechteckige Schuhschachtel-Stil der Arena-ähnlichen Weinberg-Bauweise entgegengestellt. Solche Unterscheidungen hält Star-Akustiker Yasuhisa Toyota für überbewertet. Stattdessen verfolgt sein Büro einen flexiblen Ansatz, um die Anforderungen gemeinsam mit den Architekten bestmöglich zu erfüllen. Auch wenn die Grundfläche der Interimsphilharmonie rechteckig ist, wirkt die gefundene Konstellation nicht konfrontativ. Abschrägungen und Chorsitze hinter der Bühne sorgen im Zusammenspiel mit seitwärts erhobenen Sitzen für eine intime Atmosphäre und eine starke Verbindung zwischen Ensemble und Publikum. Facettierte Seitenwände und Deckenelemente werden dem Anspruch gerecht, einerseits große flache Ebenen zu bieten und andererseits die nachteiligen Effekte paralleler Oberflächen zu vermeiden. Um auf jedem Sitz ein balanciertes Klangerlebnis zu garantieren, müssen die Materialien den Klang nicht nur in hohen, sondern auch tiefen Frequenzen reflektieren. Durch ihre große Masse bleibt die Schallenergie im Raum.

In der frühen Planungsstufe arbeitet Toyota fast ausschließlich mit einem virtuellen Modell. Doch die Materialien müssen Prüfungen unterzogen werden. Die Form der Stühle, die Art des Schaumstoffs und der Bezüge, das alles ist zu 100 Prozent maßgeschneidert. Da werden auch schon mal zwanzig Testexemplare gebaut und ihre Schalleigenschaften in einer speziellen Kammer gemessen. Ein Aufwand, der sich bei 1.800 Stühlen durchaus lohnt. Doch bei aller Expertise, die schon bis dahin in den Prozess fließt, ist in Toyotas Team klar:

»Die Musik wird auf der Bühne erschaffen, wir sind nur dazu da, sie zu transportieren. Das ist unser Ideal: Was auf der Bühne geschieht, unverfälscht an das Publikum zu übertragen«.

Die Gestaltung der Klangvision obliegt Dirigent* innen und Ensembles. Daher steht die Ausdrucksfreiheit und Anpassbarkeit für verschiedene Besetzungen und Genres an erster Stelle. »Wir wollen den Klang in seiner ganzen Bandbreite möglichst klar abbilden. Das kann für Orchester auch schwierig sein, weil sie sich in einer ausgesetzten, fast nackten Situation wiederfinden.«

Deshalb war die Einbindung der Münchner Philharmoniker in jeder Konzeptionsphase von höchster Bedeutung. Einen Saal gemeinsam mit seinem Residenz-Ensemble zu entwickeln, ist für Toyota überaus wertvoll. So macht sich das Orchester den Raum schon vor seiner Fertigstellung zu eigen – doch der Prozess ist auch danach nicht abgeschlossen. Die Zeit vor der Saaleröffnung, in der das Ensemble sich mit dem Raum vertraut macht, bevor es vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit tritt, ist essenziell. »Wenn man sein neues Zuhause der Welt vorführt, will man es natürlich im besten Licht zeigen.« Kein Problem für einen herausragenden Klangkörper wie die Münchner Philharmoniker.

Für die Klanggestalter*innen von Nagata findet der spannendste Moment so schon lange vor der feierlichen Eröffnung statt. »Wenn die ersten Töne bei der ersten Probe erklingen, finden wir wirklich heraus, wie der Raum klingt.« Bei aller Technologie, aller Wissenschaft und Planung gebe es kein allgemeingültiges Rezept, wie ein Raum gestaltet sein muss, damit Menschen dort Musik genießen. Die Konzerterfahrung ist unwiederholbar. Jeden Abend empfinden und hören wir anders, selbst wenn das gleiche Orchester spielt. Darum sollten wir, so Quiquerez, immer vorsichtig mit Urteilen nach einem einzelnen Eindruck sein. »Das Geheimnis bleibt, und obwohl wir mit und für Musik arbeiten, muss es am Ende immer ein bisschen magisch bleiben.«

Nagata Acoustics

Nagata Acoustics wurde 1971 von Dr. Minoru Nagata in Tokyo gegründet und erarbeitete sich bald großes Renommee im Bereich der Akustik für Musik und darstellende Künste. Unter der Leitung seines Star-Akustikers Yasuhisa Toyota gestaltete das Büro die Klangräume weltberühmter Konzerthallen, darunter die Suntory Hall in Tokyo (1986), die Walt Disney Music Hall in Los Angeles (2003) und die Elbphilharmonie in Hamburg. Dabei hat die Firma mit namhaften Architekten wie Frank Gehry, Arata Isozaki, Renzo Piano und Herzog & de Meuron zusammengearbeitet. Kaum ein Büro verfügt über umfassendere Erfahrung im Akustikbereich: 50 Konzertsäle und 300 Zuschauerräume hat Toyota bereits klanglich optimiert. Auch bei Dirigenten von Weltklasse wie Daniel Barenboim, Zubin Mehta oder Sir Simon Rattle genießt Toyotas Büro einen erstklassigen Ruf. Neben der Interimsphilharmonie übernimmt Nagata Acousitcs auch den Akustikpart der bevorstehenden Gasteig-Sanierung und erarbeitet neue Konzepte für Philharmonie, Carl-Orff-Saal und den Kleinen Konzertsaal.

Text: Benedikt Feiten