30.03.2021

Farben, Haptik und eine Bank in der Sonne – der Gasteig in Sendling

Der Umbau des neuen Gasteig-Standortes in Sendling nimmt Gestalt an: Das Gelände in der Hans-Preißinger-Straße 8 wird sich der Gasteig ab Herbst 2021 gemeinsam mit Ateliers, Studios und Gewerken teilen und bekommt mit der Sanierung der ehemaligen Trafohalle »Halle E«, zusätzlichen Modulbauten und der Interimsphilharmonie ein völlig neues Gesicht. Zum letzten Abschnitt des Bau-Projekts befragen wir die Architekt*innen des Gasteig-Teams »Zukunft«.

Seit wann arbeitet euer Team am Innenausbau des Gasteig Sendling und welche Arbeiten finden in diesem finalen Bauabschnitt statt?
Unsere Gewerke haben Anfang 2021 mit dem Innenausbau begonnen. In der Halle E wird erst der Trockenbau fertiggestellt, dann kommen der Maler und der Schlosser zum Einsatz, zuletzt kümmern wir uns um Glastrennwände, Bodenbeläge und Vorhänge. In der neuen Philharmonie werden erst Akustiklamellen und Wandbekleidungen angebracht, dann entstehen die Bühnenrückwand, die Bodenkonstruktion und das aufsteigende Podest im Parkett und zum Schluss Bodenbelag und Bestuhlung.

Zunächst zur Philharmonie: Wie wird sie von innen aussehen? Welche Stimmung soll erzeugt werden und was sind die größten Unterschiede zur jetzigen Philharmonie?
Der Innenraum der Philharmonie erhält einen völlig neuartigen Charakter: Mit schwarz beschichteten, großformatigen Holzpaneelen und horizontalen Akustikfriesen soll er nicht nur das klassische Konzertpublikum ansprechen, sondern als Experimentier- und Werkstattraum dazu einladen, neue Formate auszuprobieren. Die Bestuhlung aus dunklem Holz und grauem Textil unterstreicht die gedimmte Grundstimmung zusätzlich. Einen scharfen Kontrast bildet der Bühnenboden, der aus hellem Holz gestaltet ist und so die Konzentration auf das Bühnengeschehen lenkt. Den Architekten war es außerdem wichtig, einen starken, räumlichen Bezug zwischen Publikum und Künstler*innen herzustellen – ein Effekt, der ihnen durch die Ausformung des Saals und den Einsatz durchlässiger Elemente wie z. B. die Stahlnetzbespannung der Brüstung gelungen ist.

Die Halle E wird künftig die Stadtbibliothek und die Volkshochschule beherbergen und als Foyer der Philharmonie dienen. Wie wird das Innere dieses Baudenkmals aussehen, das nach Vorgabe des Denkmalschutzes seinen »Industrial Look« behalten soll?
Wichtig war für uns, den ursprünglichen Charakter der Halle zu bewahren – mit allen »Narben« und »Verwundungen«, die eine Trafohalle im Laufe ihres Lebens erfährt. Aus diesem Grund kam eine Sanierung in Form eines durchdesignten Entwurfsansatzes für uns nie in Frage, vielmehr ging es darum, möglichst schonend mit der alten Bausubstanz umzugehen. Mit Farben halten wir uns zurück – unsere Besucher*innen machen den Gasteig Sendling bunt genug. Diese Zurückhaltung bildet einen guten Hintergrund z. B. für Einbauten der Münchner Stadtbibliothek oder Einrichtungen für die Gastronomie.

Apropos: Gibt es auch ein Gestaltungskonzept für die gastronomischen Angebote auf dem neuen Areal?
Die Gestaltung der Gastronomie in der Halle E, d. h. Lesecafé, Gastronomie im Zwischengeschoss und Hauptgastronomie im Erdgeschoss, ist aus einem Guss. Den Mittelpunkt bildet der Haupttresen im Erdgeschoss, der die wechselnden Atmosphären innerhalb der Halle – vom Tagesbetrieb der Bibliothek bis zum Klassikkonzert am Abend – aufgreift und als zentraler Treffpunkt des Areals dienen soll. Die Gastronomie im Modul 1 wird vom Pächter selbst gestaltet und erhält daher ein eigenes Erscheinungsbild.

Wann beginnen die Arbeiten für die Gestaltung der Außenanlagen, z. B. die Begrünung oder die Gestaltung von Wegen?
Die Gestaltung der Außenanlagen erfolgt immer dann, wenn ein Bauabschnitt abgeschlossen ist, das kann von Gebäudeteil zu Gebäudeteil variieren. Mit diesen Arbeiten beginnen wir im Sommer – zur Eröffnung im Oktober werden die Außenbereiche angelegt und die Zugänglichkeit zum Areal wird fertiggestellt sein.

Wo kann man sich vor, nach und zwischen Veranstaltungen aufhalten?
Da gibt es vielfältige Möglichkeiten: Zum einen können sich die Besucher*innen in den großzügig gestalteten Umgängen der Philharmonie aufhalten. Dann finden sich gastronomische Anlaufstellen in der Halle E – neben dem bereits erwähnten Haupttresen gibt es u. a. Sitzstufen, die zum Verweilen einladen. Im Außenbereich entstehen ein Gastronomiedeck mit diversen Sitzgruppen, außerdem Sitzbänke in der Zugangszone und vor der Halle E. Im Sommer können Gäste des Lesecafés ihre Lektüre plus Sonne auf der flexibel erweiterbaren Terrasse genießen.

Auf welche Ideen und Neuerungen seid ihr besonders stolz und welche Erfahrungen nehmt ihr mit?
Wir haben ein Bauprojekt auf einem atmosphärisch unglaublich dichten Gelände durchgeführt und uns mit unterschiedlichsten Anforderungen auseinandergesetzt: der Sanierung eines Baudenkmals wie der Trafohalle, dem Neubau der Philharmonie und der Modulbauten – immer mit Blick auf die Integration der bereits ansässigen Mieter. Das Ergebnis ist ein unverwechselbarer Ort mit großer Anziehungskraft für München. Natürlich gab es wie auf jeder Baustelle auch Herausforderungen, die bewältigt werden mussten: von nicht eingehaltenen Lieferterminen bis hin zu pandemiebedingten Quarantäneregeln. Umso schöner war es, zu erleben, welche Kraft eine gute Zusammenarbeit im Team freisetzt: füreinander einzustehen, auszuhelfen, mitzudenken. Wir haben oft unter Hochdruck gearbeitet, aber die Menschlichkeit kam nie zu kurz.

Interview/Text: Isabella Mair