1. März 2021

Servus Nachbarn! Zu Besuch im Ateliergebäude Haus F

Wen gibt es sonst noch auf dem Interimsgelände? Zum Beispiel die Künstler*innen im Haus F. Ein Atelier-Rundgang.

»Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus«, sagt ein altes Sprichwort. Zwar rät eine neuere Abwandlung für solche Fälle zu Salz und Tequila, doch im Kern geht es darum, auch in widrigen Zeiten Gestaltungswillen und Widerstandskraft aufzubringen – eine Rolle, die traditionell der Kunst zufällt. Umso passender ist es in Zeiten des coronabedingt eingeschränkten Kulturbetriebs, dass die Künstlerin Susanne Pittroff gerade an einer riesigen Zitrone arbeitet.

Derzeit ist es noch ein Modell, dessen Größenverhältnisse sie in ihrem Atelier auf dem Gelände in Sendling austariert. Ab April soll die Zitrone den Innenhof der psychiatrischen Erwachsenenambulanz und Tagesklinik für Kinder und Jugendliche in der Nußbaumstraße erobern. Pittroff zielt an diesem besonderen Ort auf Heilkraft ab: »Ich wollte etwas Positives setzen. Etwas Fröhliches und Gesundes.« (Mehr zur Kunst von Susanne Pitroff: susannepitroff.de )

Der lichtdurchflutete Raum, in dem die Künstlerin arbeitet, befindet sich im Haus F. Der Backsteinbau liegt im hinteren Teil des Geländes, auf dem die Philharmonie immer konkretere Formen annimmt, während Reifenhandelund Karosseriewerkstatt nebenan ihrem Geschäft nachgehen. Mit sechs weiteren Künstler*innen hat Susanne Pittroff das Gebäude vor zehn Jahren angemietet. Zuvor war hier die Kantine der Stadtwerke München beheimatet. Wo Pittroff jetzt arbeitet, gingen früher (den gängigen Klischees nach) Currywürste über den Tresen. Den Umbau in Ateliers hat die Künstlergemeinschaft selbst finanziert und durchgeführt.

Kein Wunder also, dass sie die Veränderungen vor ihrem Haus aufmerksam verfolgt: Hier entsteht der Modulbau der Hochschule für Musik und Theater München. Dass ein pulsierendes Kulturzentrum kommt, empfinden alle als Bereicherung und sie freuen sich auf Austausch mit interessanten Menschen. Selbst die Baustelle hat ihre spannenden Seiten: »Es wirkt manchmal wie eine Bühne, rauszugucken was die Dachdecker machen und die Bohrungen zu verfolgen«, sagt Christoph Lammers. Aber Baulärm und Vibrationen nagen an den Nerven. Auch der Lichteinfall wird sich verändern.

»Es wird durch den neuen Bau sehr dunkel werden«, sind sie sich sicher. Man hofft, die Kellerräume behalten zu können, die wichtige Lagerflächen für Materialien und Kunstwerke sind, doch das ist im eng zusammenrückenden Gasteig Sendling fraglich. Ausweichflächen sind knapp. Und das Haus F ist keine Zweck-WG. Der Austausch ist für die so verschieden arbeitenden Künstler*innen bereichernd und hat viele Atelierfeste und Ausstellungen mit sich gebracht. Wer durch den Backsteinbau geht, erlebt in jedem Raum eine andere Welt. Aufgeräumt und klar wirkt das Atelier von Eva Schöffel. Geometrische Formen interessieren die Künstlerin, die mit vielen Techniken und Materialien arbeitet: Linolschnitte, Cut-Outs, plastische Arbeiten oder Fotografie, oft in großen Formaten. Dabei beschäftigt sie sich viel mit Architektur und dem Raum in der Fläche.

Eine Skulptur an der Wand aus kleinen, locker aufeinander gestellten Kästchen bildet eine architektonische Struktur, die mit der Perspektive spielt: Sie kann in der Fläche nicht funktionieren, weil sie in verschiedene Richtungen fluchtet. Ein einnehmendes Wechselspiel von Klarheit und Destabilisierung. (Hier geht's zur Homepage der Künstlerin )

Dann betritt man die strahlende Farbpracht von Doris Hahlwegs Atelier. Im ganzen Raum stehen und liegen Platten mit kräftigen Farbschichten. Dass in ihrem Atelier gleichzeitig verschiedene Werke entstehen, ist der Technik geschuldet, denn Ölfarbe trocknet auf Aluminium nur langsam. Drei bis vier Tage dauert es, bis sie eine Schicht weiter bearbeiten kann.

In ihrer Herangehensweise entsteht aus dem Sehen der Handstrich »als Dasein, nicht als Simulation «, wie sie sagt. »Es muss eine reine Handlung sein, wenn man die Farbe aufträgt.« Das klingt alles nach großem Einklang und Harmonie, aber wenn Hahlweg über ihre Kunst spricht, hat der Schaffensprozess auch immer etwas von einem Ringkampf. Eine Leinwand sei zu stofflich, die Farbe vernetze nach unten. Im egensatz dazu habe das Aluminium immer etwas Forderndes. Es sei widerständig und gebe nicht nach, man könne es bearbeiten, daran kratzen, die Farbe sacke nicht ein. »Es ist sehr direkt und fordernd«, wie Hahlweg es formuliert. (Zur Homepage von Doris Hahlweg)

Nebenan prägen Zeichnungen in Schwarzweiß das Atelier von Christoph Lammers. Kontraste treiben seine Kunst an: Wo öffnet sich Raum? Wo entsteht eine Lichtung, wo ist etwas diffus, wo gibt es Unschärfe, wo wird es klar? Er geht oft in die Natur und arbeitet seine Beobachtungen im Atelier aus, manchmal figürlich, manchmal sehr frei. Seit etwa zehn Jahren entwickelt er Kooperationen mit anderen Künsten.

Am Anfang stand dabei für Lammers ein Theaterfestival, wo er in einer Gruppe mit Livemusik, Tanz und Videokunst wirkte. »Man kannte sich vorher gar nicht und hat sich fünf Stunden gemeinsam auf der Bühne bewegt, gegenseitig unterstützt oder auch mal vergessen.« Seine Live-Zeichnung verlängerte er mit Tapes in den Raum hinein, eine Tänzerin folgte den Bahnen mit kontrollierten Bewegungen wie eine Seiltänzerin. »Man muss sich der Situation und dem Moment öffnen, dann ergibt sich eine andere Art, Entscheidungen zu treffen. Es macht Spaß, nicht alleine zu handeln.« So blickt Lammers besonders neuen Verbindungen und dem Austausch mit anderen Kunstschaffenden entgegen, die mit dem Gasteig hier herkommen. »Das ist ja das Besondere an dem Ort«, sagt er, »dass man nicht so alleine ist.« Und dass selbst Limonade durch Vermischung noch höhere Formen annehmen kann, weiß man in einer Stadt, in der Spezi ein Kultgetränk ist. (Mehr zur Kunst von Christoph Lammers: christophlammers.com)

Interviews / Text / Fotos: Benedikt Feiten