4. August 2020

Die Architekten aus der »Zukunft«: Tobias Jahn, Julia Grosse-Frie, Anna Mochnac und Georg Glas – hier mit dem Chef der »Zukunft« Benedikt Schwering (v.l.n.r.)

Vier aus der Zukunft

Julia Große Frie, Anna Mochnac, Georg Glas und Tobias Jahn sind Architekten und gehören zur Abteilung »Zukunft« der Gasteig München GmbH. Als Team »Interim« sind sie in Funktion der Bauherrenrolle für die Planung und den Bau des Gasteig Sendling zuständig und berichten uns in diesem Interview von den besonderen Herausforderungen ihrer Arbeit.

Ihr verbringt einen Großteil Eurer Arbeitszeit in Besprechungen, auf der Baustelle oder im Gasteig, mit den Instituten im Haus, externen Partnern, Architekten, Baufirmen, der Stadtpolitik und vielen mehr. Was ist für Euch die größte Herausforderung am »Gasteig Sendling«?
Tobias Jahn: Eine große Herausforderung und gleichzeitig das Spannende an dem Projekt ist für mich, die vielen Wünsche, Themen und Bedürfnisse der einzelnen Institute und Nutzer genau zu erkennen, richtig weiterzutragen und dadurch für Klarheit zu sorgen – und vor allem diese Wünsche immer wieder mit den Möglichkeiten der baulichen Umsetzung in Einklang zu bringen.
Anna Mochnac: Wenn beispielsweise der Generalunternehmer der Interimsphilharmonie abweichend von der Planung der Architekten etwas aus baulichen Gründen nicht umsetzen kann – wie heute Morgen gemeldet – müssen wir das mit allen, die es betrifft, neu abstimmen. Das sind hier so viele Beteiligte, dementsprechend bedeutet das mehr Kommunikation als bei anderen Bauvorhaben, die wir bisher kannten. Aber auch Fragen wie »Ist mein Waschbecken links oder rechts im Raum?« oder »Welche Farbe hat die Türklinke?« können Herausforderungen sein, wenn sie im momentanen Baugeschehen vielleicht noch nicht planbar sind und dies wiederum kommuniziert werden will.

Ihr seid also auch Vermittler …
Julia Große Frie: Ja, ein gutes Stück! Was für mich dabei vor allem neu ist, ist die politische Ebene. Immer wieder müssen hier auch Entscheidungsträger aus der Politik abgeholt werden, denn die Stadt trägt die Kosten. Der Stadtrat entscheidet also letztlich über den Kostenrahmen und darüber, was umgesetzt werden kann und was nicht. Das kannte ich so noch nicht, das macht es anspruchsvoller. Bei anderen Bauvorhaben sind die Auftraggeber oft einzelne Vermieter, Leiter oder Inhaber von Firmen, die letzten Endes einzeln entscheidungsbefugt und zugleich Kostenträger sind. Beim Gasteig haben wir viele voneinander unabhängige Institute auf gleicher Hierarchieebene, die verständlicherweise viele Wünsche und Ideen haben, letztendlich aber nicht die Kosten tragen müssen.
Tobias Jahn: Ja, bei so vielen Nutzergruppen kommt viel Input zusammen, der gut untereinander kommuniziert werden will, das hatte ich in der Komplexität auch noch nicht zuvor. Wie geht man damit um? Wie ist man ein guter Nutzervertreter? Wie platziert man so ein Projekt bei der Stadt? – das sind wichtige Fragen für uns.

Wie erlebt Ihr die Zusammenarbeit?
Georg Glas: Das Interesse bei allen Beteiligten ist sehr hoch und die Zusammenarbeit sehr positiv, auch mit den Eigentümern des Areals, den Stadtwerken München und den bereits bestehenden Mietern auf dem Areal. So gibt es Überlegungen, die Ausbildungs-Werkstätten der Stadtwerke auf dem Gelände symbiotisch mitnutzen zu können. Wenn dort das ein oder andere für uns geschweißt werden kann, werden wir unser Schweißgerät vielleicht nicht mitnehmen müssen. Das sind ganz wichtige praktische Fragen, um die es da geht.

Apropos Philharmonie, was erwartet uns da?
Anna Mochnac: Dunkel lasiertes Holz, vereinzelte, dimmbare Spots auf die Bühne – die Atmosphäre der Interimsphilharmonie soll konzentrierter und mystischer werden. Eine Herausforderung für die Lichtplaner, die für eine mystische Stimmung im Publikumsbereich, aber auch für ausreichende Beleuchtung auf dem Notenblatt der Musiker sorgen müssen. Momentan bemustern wir solche Dinge der Innenausstattung. Dazu wird ein Modell eines kompletten Saalabschnitts, mehr oder weniger in Echtgröße, vor Ort gebaut, das unsere Architekten und Techniker, der Akustiker, die Münchner Philharmoniker und viele weitere Beteiligte dann prüfen werden. Fragen wie: Reicht das Licht aus? Funktioniert die Belüftung im Saal? Sind Schaumstoff und Stoffbezug der Sitzplätze optimal für die Akustik? Sind die Stühle richtig gewebt? und viele mehr spielen da eine wichtige Rolle. Und vielleicht wird auch der Bürgermeister mal Probe sitzen wollen …

… und irgendwann ist es dann soweit: Der Gasteig Sendling steht! Worauf freut Ihr Euch am meisten?
Julia Große Frie: Ich freue mich am meisten auf die Trafohalle und den Außenraum – mit der Isar nebenan und den Bestandsmietern auf dem Gelände, vom Reifenhändler über das Yogastudio bis zur Autolackiererei. Das gibt bestimmt eine schöne Atmosphäre und einen Ort, an dem man auch mal spontan auf einen Kaffee oder ein gutes Buch vorbeischauen kann – eine schöne große Terrasse an der Isar! Die Möglichkeiten dieses Geländes lassen aber auch an Veranstaltungsformen wie Open-Air-Kino oder neue Festivalformen mit Foodtrucks und Co. denken. Das wird spannend!
Tobias Jahn: Ich freue mich auch auf den möglichen Überraschungseffekt, den dieser Ort, der hier entsteht, haben könnte. Eine teilweise verwilderte Fläche wird zu einem kreativen, atmosphärischen Areal, auf dem man sich gerne aufhält: vom Bier an der Isar bis zum Konzertbesuch. Mit der Kreativszene, die schon länger auf dem Areal wohnt und mitmischen kann und dem Gasteig und seiner kulturellen Vielfalt als neuem Bewohner – solche Orte gibt es in München nicht viele.

Wie das Gasteig-Ausweichquartier entsteht, können Sie auch in unseren Zeitraffer-Videos von der Baustelle verfolgen.

Interview / Text: Judith Ludwig
Foto: Gasteig München GmbH


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